I shut my eyes and you are dead

I shut my eyes and you are dead ist ein gemeinsames Ausstellungsprojekt von Susanne Mewing, Katrin Pieczonka und Katja Staudacher. Sie verwenden als Ausgangspunkt literarische oder populäre Zitate , die von ihnen geringfügig abgewandelt werden, um die Bedeutung dahingehend zu verändern, dass eine Aneignung stattfinden kann und neue Interpretationsräume eröffnet werden. Alle drei Künstlerinnen arbeiten intuitiv, suchend, ausprobierend; allerlei Fehlversuche, Anfänge und Skizzen sind in der fertigen Arbeit enthalten und teilweise sichtbar. – Teils Baustelle, teils Paradies. Die Gemeinsamkeit der Künstlerinnen, die mit Malerei, Zeichnung, Installation arbeiten, besteht weniger im Offensichtlichen, als in der Herangehensweise, dem Verständnis von künstlerischem Arbeiten und im Humor. Die Suche nach und die Gegensätzlichkeit von "dem großen Ganzen" und "dem Einen", Leere und Fülle findet sich in jeder Arbeit der Künstlerinnen. 

A Room of One’s Own
Kunstverein Haus 8, Anscharpark, Kiel, 2018

Hell²
Kunstverein Osterholz-Scharmbeck, 2018

Hell, das sind die anderen
Künstlerhaus Sootbörn, Hamburg, 2017

Mad Girl’s Love Song
Stadtgalerie Lauenburg, Lauenburg an der Elbe, 2014

WE ARE NOT DOING THIS BECAUSE IT’S EASY
Galerie 21, Vorwerkstift, Hamburg, 2014

I Shut my Eyes and You are dead
Frappant Galerie, Hamburg, 2013

Interview

1. Was machen Sie da?

Mewing: Zeichnen.
Pieczonka: Malen.
Staudacher: Sitzen.

2. Warum machen Sie das?

Pieczonka: Habe es eigentlich schon immer gemacht.
Mewing: Ich fühl mich sonst nicht gut.
(Staudacher schweigt und verdreht die Augen…)

3. Welche Voraussetzungen brauchen Sie,
um mit der Arbeit beginnen zu können?

Pieczonka: Zeit.
Mewing: Schlaf.
Staudacher: Unordnung ohne schlechtes Gewissen.

4. Was ist das meist überschätzte Material?

Mewing: Konzepte?
Staudacher: Kaugummi.
(murmelt irgendwas von Giacometti.)
Pieczonka: Malerei auf Leinwand!
Mewing: Wie?!
Pieczonka: Wohl!
Staudacher: ich sag nur 142,4 Mille für Francis.  
Pieczonka: Hä?

5. Wie ordnen Sie sich in den kontemporären Kontext ein?

Pieczonka: Mühelos.
Staudacher: Ich leb ja jetzt.
Mewing: (zieht einen Zettel aus der Hosentasche, 
den ihr Staudacher vorher zugesteckt hat und liest vor.) 
Ich entwerfe subjektive Konstruktionen, innnerhalb derer ich den 
narrativen Gehalt von banalen Alltagssituationen, persönlichen 
Erinnerungen und für mich existentiellen Fragestellungen untersuche.

6. Hat Ihre Arbeit einen historischen Hintergrund?

Pieczonka: ... meine eigene Geschichte… meine Arbeiten beschäftigen sich mit Orten, die ich gesehen habe. Gleichzeitig versuche ich aber, Bilder zu malen, die ich noch nie gesehen habe. 
Mewing: Ich denke im Moment über die Nachkriegszeit nach. Dabei geht es mir um die Frauengeneration… Mütter und Grossmütter. Und um Wut.
Staudacher: Ja, bestimmt. Die letzten 3 Sekunden sind ja auch schon 
wieder längst Geschichte. 

7. Werden Sie Ihre Arbeit irgendwann abschließen können?

Pieczonka: Um Gottes willen.
Mewing: Auf keinen Fall!
Staudacher: Ich hoffe es bei jeder einzelnen Arbeit.

8. Welche Fragen beschäftigen Sie 
z.Zt. in Zusammenhang mit Ihrer Arbeit?

Pieczonka: Eigentllich immer die gleichen, bloß die Antworten ändern sich... Warum brauche ich so lange, um mit der Arbeit anzufangen? 
Warum brauche ich so lange, um mit der Arbeit aufzuhören? Wieviel Gegenständlichkeit brauche oder will ich? Wann ist eine Arbeit fertig?
Mewing: Naja, wie schon eben gesagt. Frauen aus der Nachkriegszeit. Aus der Generation bin ich ja entstanden. 
Staudacher: Wie kann ich mechanische Abläufe für mich nutzen, was machen sie für Geräusche? Ablenkung, Aufmerksamkeit; Zyklen. 
Was werden wir in 10 Jahren essen? Was macht Kylie Jenner mit ihren Augenbrauen?



9. Was hat es mit dem Titel »a room of one‘s own« auf sich?

Pieczonka: Der Titel stammt von einem Essay von Virginia Woolf aus dem Jahr 1929. Sie wurde aufgefordert, einen Vortrag über Frauen und Literatur zu halten und kam zu dem Schluss, dass Frauen kaum existent waren in der Geschichte der Literatur, aber ebenso in der  Kunst oder Musik, und sie fragt sich in dem Text, woran es liegen kann. Sie schreibt über eine fiktive Schwester von Shakespeare und stellt sich vor, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie dieselbe Begabung besessen hätte – und sie kommt zu einem ernüchternden Schluss...
Mewing: Es hat sich ja gar nicht viel geändert. Ob man jetzt im Kunstbetrieb schaut, oder auch anderswo. Frauen sind nach wie vor in den interessanten Positionen unterrepräsentiert, verdienen weniger Geld, werden weniger beachtet. Bibiana Steinhaus darf als einzige Frau seit dieser Saison die höchste Liga im (Männer-)Fussball schiedsrichten. Eine einzige Frau! Und das erst seit dieser Saison! Das ist echt schwierig. 
Dass es Frauen und auch Männer gibt, für die das Wort Feminismus eine Abwertung/Beleidigung ist, macht es auch nicht gerade besser. 
Pieczonka:  Virginia Woolf  fordert in diesem Text grundlegende Voraussetzungen für Frauen, um Literatur, oder Kunst ganz allgemein, schaffen zu können: ein eigenes Zimmer, also sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, also einen eigenen Raum zum Arbeiten und geistige Unabhängigkeit. Und finanzielle Absicherung, eine Art von Grundeinkommen gewissermaßen, als  Voraussetzung dafür, sich einigermaßen unbeschwert der Arbeit widmen zu könne, ohne von materiellen Sorgen geplagt zu werden.  Und diese Forderungen sind immer noch top-aktuell!
Staudacher:  Es ist sehr verrückt darüber nachzudenken wie sehr wir 
geprägt sind von den Namen sämtlicher Herren die es zu Ruhm und Ehre gebracht haben und die zu unseren Leitbildern erkoren sind. Die Unmöglichkeit dessen, dass  an deren Stelle die Namen von Frauen auftauchen, die  zur selben Zeit  ähnlich begabt waren, ist schon ein reichlich  gruseliger Zustand.
Pieczonka:  Wie es Virginia Woolf beschrieben hat: Die Frau hat jahrhundertelang als Lupe gedient, welche die magische und köstliche Fähigkeit besaß, den Mann doppelt so groß zu zeigen, wie er von Natur aus ist.

10. Sind Sie jetzt Feministinnen?

Mewing: Logisch.
Pieczonka: Was sonst?
(Staudacher macht den Surfergruss)

11. Sie verwenden als Ausstellungstitel ja immer Zitate, aus der Literatur hauptsächlich, aus der Politik aber auch – wie kommen Sie auf diese Titel?

Pieczonka: Hm. Wir lesen alle sehr viel, reden oft über Filme, Literatur, Serien... über Kunst sowieso, aber auch das aktuelle Tagesgeschehen...manchmal ist es ein abgewandeltes Zitat, weil dadurch ein gewisser Humor oder eine spezielle Düsternis oder eine Mehrdeutigkeit ins Spiel kommt... wir reden einfach auch viel und dann  geht es so hin und her, und jede hat so ihre Gedankenund dann kommt so eins zum anderen, da hat man einfach oft die besten Ideen, wenn man so lange über alles redet, was einen begeistert und interessiert, irgendwann fühlt man sich dann ganz schwurbelig im Kopf und plötzlich ist dann eine Idee da, die zu uns passt... das ist wirklich schwer zu beschreiben!

12. Genau. Bei einer früheren gemeinsamen Ausstellung haben Sie sich mit dem Gedicht »Mad girl’s Love Song« von Slvia Plath beschäftigt. Welchen Bezug hatte das zu Ihrer Arbeit?

Staudacher: Mich fasziniert, wie Sylvia Plath es schafft, existentielle Zustände so zu beschreiben, dass auch ich, als Leser des Gedichts, diese zwiespältigen Empfindungen habe. Ich kann Gut und Böse, Täter oder Opfer sein, Zerstörer, Wiederhersteller. Diese Gegensätzlichkeit gibt es auch in unseren Arbeiten – dieses Hin und Her aus Schönheit und Hässlichkeit, ganz und kaputt. Mewing z.B. zerlegt mit feinem Strich Körper, um sie dann nach eigener Vorstellung, vielleicht noch mit unerwarteten Eigenschaften versehen, wieder zusammen zu setzen. Pieczonkas Bilder zeigen Momente der Erinnerung an erlebte Situationen. Die Malerei ist bruchstückhaft und doch eine eigene Einheit. Teils Baustelle, teils Paradies. Und ich z.B. mag es, Widersprüchliches – seien es Materialien oder Inhalte – zu verbinden.
Mewing: Der Solipsismus. Für einen Moment alle Freiheit zu haben und das Einordnen und Hinterfragen auf Später zu schieben bereitet mir großes Vergnügen. 
Pieczonka: Das Gefühl, dass die ganze Welt im Grunde für mich und von mir gemacht wurde und aufhört, zu existieren, sobald ich aufhöre, sie zu beachten. Dadurch fühlt man sich einerseits sehr mächtig, und andererseits auch mal einsam. Ich glaube, dass diese beiden, sich gegenseitig bedingenden Eigenschaften viel mit dem Dasein als Künstler zu tun haben und sowohl sehr viel Freude bereithalten – man hat ja schließlich immer etwas zu tun, wenn man irgendwelche Welten erschafft und wird sich niemals langweilen – und andererseits aber auch ein Gefühl von großer Distanz zur Welt, die einen umgibt, verursachen kann.

13. Warum stellen Sie zusammen aus?

Pieczonka:  Ja, das ist eine Frage, die oft gestellt wird... man würde dann gerne sagen, wir hätten uns beim Transgender-Tischtennis in Afghanistan kennengelernt....oder wenigstens bei der Shanghai Biennale oder so. Letztlich ist die Antwort wahscheinlich eher uncool – wir sind schon lange befreundet. Wir können gut miteinander über unsere Arbeit sprechen. Wir verstehen uns. Wir fahren keine bösen Ellenbogen aus.  Wir haben einen ähnlichen Humor. Das klingt alles banal, ist aber letztlich doch das wichtigste für gemeinsames Arbeiten. 
Mewing: Es ist für mich jedesmal eine grosse Freude zu sehen, dass unsere Arbeiten/Kosmen so gut zueinanderpassen. Wir kommen in einen Raum, es scheint erst einmal alles schwierig und nach und nach entwickelt sich eine gemeinsame Ausstellung daraus. Ich finde das grossartig.
Staudacher: Wir haben ja schon einige Male zusammen ausgestellt und es ist toll zu sehen wie sich die Arbeit des Einzelnen verändert und im Kontext mit den Arbeiten der anderen eine ganz andere Form annehmen kann... oh jeh..
blabla ..[...]»es ist so laut in meinem Kopf, ich kann es nicht ausschalten. Marina arbeitet mit mir daran.*«
14. Gibt es Gemeinsamkeiten in Ihren Arbeiten?

Pieczonka: Wir arbeiten alle drei suchend, überarbeitend, ausprobierend – und allerhand Fehlversuche, Anfänge, Skizzen sind auch später noch in der fertigen Arbeit enthalten und teilweise sichtbar. Und ein gewisser Humor oder eine Art von ironischer Distanz.
Mewing: In der Arbeitsweise sind wir ähnlich. Etwas beginnen, sich 
währenddessen damit auseinandersetzen, hinzufügen, wegnehmen, 
verwerfen, übermalen, bis das Kunstwerk am Ende fertig ist.
Staudacher: Siehe oben. 
Mewing: Äh. Genau.

15. Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?

Mewing: Ich habe viele alte Fotos aus dem letzten Jahrhundert. Familienalben meiner Familie oder von Freunden. – Oder welche, die ich ertrödelt habe. Damit mache ich viel, bzw. sind sie oft der Anlass für eine Zeichnung. Beim Zeichnen die Balance zwischen Dilettantismus und Könnerschaft von humoresker Parodie und tragischem Pathos zu finden ist beglückend. 
Pieczonka: Im Malprozess versuche ich immer wieder, mich selbst zu überraschen oder zu überrumpeln. Das Ergebnis ist lange Zeit offen. Ich male  erst einmal drauflos, dann reagiere ich auf das Gemalte. Das Bild begreife ich als ein Gegenüber, welches durchaus  einen eigenen Willen hat, der dann mit meinem Willen konfrontiert wird. Daraus ergibt sich eine Art Dialog. Und letztlich versuche ich, Bilder zu malen, die neu sind für mich. 
Staudacher: (grinst)
Ich entwerfe subjektive Konstruktionen, innnerhalb derer ich den narrativen Gehalt von banalen Alltagssituationen, persönlichen Erinnerungen und für mich existentiellen Fragestellungen untersuche.
Mewing: Hahaha! Ich auch!
Pieczonka: Und ich erst.

16. Sie stellen ja schon länger zusammen aus. Hat das Ihre jeweils eigene Arbeit beeinflusst?

Mewing: Auf jeden Fall. Zum Beispiel habe ich begonnen dreidimensionale Sachen zu machen, seit ich so oft Arbeiten von Staudacher sehe. Mein Gefühl für Raum verändert sich. Seit unsere Ausstellung in Osterholz bin ich von diesen kinetischen Objekten fasziniert. Es wäre schön, wenn sich vielleicht sowas wie das kleine rosa gehäkelte Objekt regen könnte und bestenfalls von Zeit zu Zeit knurren. 
Pieczonkas Arbeiten schüchtern mich manchmal etwas ein. Bis ich dann einen kleinen Witz finde, eine Laterne, einen Brunnen, den ich kenne oder irgendwas, wodurch ich den Einstieg finde. Mein Hirn ist leider sehr narrativ.
Staudacher: Ohne mit anderen Künstlern im Gespräch zu sein, bescheisst man sich ja so über einiges hinweg. Also ich zumindest. Das kann zeitweise von Vorteil sein und , wer weiss vielleicht würde ich es auf der einsamen Insel auch selber merken aber Tatsache ist , einsame Insel weit entfernt und Gedanken der Damen von zermürbend bis  höchst inspirierend!

17. Warum Häkeln?

Mewing: Das hat sich eher zufällig ergeben, weil ich für ein paar Wochen keinen Raum hatte, den ich hinter mir zumachen konnte. Deshalb finde ich diesen Titel gerade auch so toll! 
Häkeln, jedenfalls bis zu einem bestimmten Ausmaß, geht fast überall. Häkeln, obwohl ich dicke Wolle -doppelt genommen- und eine dicke 
Nadel genommen habe, geht langsam. Ich denke seitdem viel an meine Großmütter und worin sie ihre Aufgaben im Leben gesehen haben. Was für Erwartungen sie hatten. Ich kann das nicht gut ausdrücken. Ein Bild ist lautes, wütendes Klappern mit Eimern und Staubsaugern beim Hausputzen. Türenknallen und so zu tun, als wäre es ein Versehen. Ich glaube, mir geht es um diese Ohnmacht und Wut. Und die Trauer darüber, dass keine der Beiden gesagt hat »scheiss doch auf diese Topflappen, ich mache jetzt, was ich will und gehe tanzen / reisen / knutschen« —— naja, oder so ähnlich. Irgendwas daran berührt mich. 
Das Häkeln sieht genauso aus, wie meine Zeichnungen. Vielleicht ist es egal, welches Material man nimmt. Ich könnte das vielleicht auch backen oder so.
Staudacher: Weil sies kann!
Mewing: Genau!
Pieczonka: Und es ist ansteckend...und auch toll, so ein altes, weiblich konnotiertes handwerk ein wenig ad absurdum zu führen und damit andere, überhaupt gar nicht nützliche Dinge herzustellen.
Mewing: Ich bin nicht die einzige, die hier häkelt! 

Irgendein neuer Schluss muss her...aber wie soll er aussehen?

Wie fühlt Ihr Euch nach dem märchenhaften Mega-Erfolg auf dem Kreuzfahrtschiff? Vielleicht irgendeine bekloppte Frage in der Richtung, und dann bricht Interview peinlich berührt ab????
//jaaaaaaaa!!!!!!////

14. An wen würden Sie Ihre Arbeiten am liebsten verkaufen? Irgendwas neues ausdenken / andere Schlussfrage? // ich finde neue Antworten oder neue Frage// Yoga? Sex? Wonach riecht Erfolg? Wonach riecht ihr Lieblingsort? Zitat Beyonce Knowles auf die Frage mit dem Lieblingsort (könnte als Zitat eingefügt werden)„ […] „ ob sie es glauben oder nicht, Ich mag den Geruch von Benzin und Tankstellen. Es ist allerdings schon eine Weile her dass ich selbst getankt habe. Ich fahre ja noch nicht mal mehr selbst Auto, im Gegensatz zu früher in Texas.“ Was machen sie nur, wenn niemand zuschaut? Welche Adjektive fallen ihnen zu Glück ein? gruselige Frage!
Darauf Beyonce Knowles (könnte als Zitat eingefügt werden) „Friedlich, frisch, sauber, mühelos, unwiderstehlich: Glück riecht so gut, wie es sich anfühlt glücklich zu sein. So einfach ist das.“

Pieczonka: Hauptsache Geld! - Naja. Am besten von einem Museum. Oder meinetwegen Kunstsammler. Oder auch interessierten Privatpersonen.
Mewing: An Jacinda Ardern, die neuseeländische Premierministerin! Und Geld ist auch nicht schlecht.
Staudacher: Steffi Graf. 
(Staudacher  simuliert einen Aufschlag beim Tennis.)